Mittelstadt Greußen

Greußener Heimatverein "Marktgruzen" e.V.

Ein Spaziergang um die Mittelstadt

Eine Schrift des Greußener Heimatforschers Paul Lürmann aus dem Jahr 1961, bearbeitet und ergänzt von Waldemar Kämmer

"Greußen einst und jetzt"

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Das Vorhaben des Greußener Stadtrates, das diesjährige Stadtfest unter dem Motto "Greußen im Mittelalter" durchzuführen, veranlaßte den Heimatverein, die vorliegende kleine Schrift aus dem Jahr 1961 zu bearbeiten und zu ergänzen, um sie Heimatfreunden aus Greußen und Umgebung wieder zugänglich zu machen.

Der Klub der Werktätigen hatte damals die Schrift herausgegeben.

Für den Text zeichnete der bekannte Heimatforscher Paul Lürmann (1879 - 1968) verantwortlich, die Zeichnungen stammten von Kurt Röhl und Bernd Kahl,

die Fotos von Thilo Rath und Dr. Walter Weise.

Der Heimatverein wünscht der kleinen Broschüre eine weite Verbreitung, damit die Beschäftigung mit der Vergangenheit unseres Städtchens die Augen für das Heute öffnet.

Greußen, im Juni 1997


Ausgangspunkt für unseren Spaziergang um die Mittelstadt ist die Schule in den Anlagen.
Das Schulgebäude wurde im Juni 1888 als Bürgerschule seiner Bestimmung übergeben.
Heute beherbergt es die Staatliche Regelschule für Schüler der Klassen 5 - 10.
Für seinen Bau mußte ein Stück der großen Stadtmauer niedergelegt werden.

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In den Anlagen vor der Schule steht seit November 1990 ein Gedenkstein, der an ein schmerzliches Ereignis Greußener Nachkriegsgeschichte erinnert.
Er enthält die Namen der 38 Jugendlichen, die wegen angeblicher Werwolftätigkeit 1945/46 verhaftet und von einem sowjetischen Militärgericht verurteilt worden sind.
Nur 14 von ihnen überlebten.
(Der Werwolf war eine Untergrundorganisation, die im Frühjahr 1945 gegründet, Hitlerdeutschland vor dem Untergang retten sollte.)


Wir stehen auf dem zugeschütteten ehemaligen Stadtgraben.
Schon hier sieht man, wie die alten Befestigungsanlagen gärtnerisch schön umgewandelt sind.

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Folgen wir nun dem Stück alter Mauer bis zur Bahnhofstraße, treffen wir auf den Durchbruch, den man nach dem großen Brande von 1834 angelegt hat, um die Schuttmassen fortzuschaffen und eine direkte Straße nach Clingen und Westgreußen anzulegen.
Dabei mußte auch ein Stück Zwingermauer fallen und ein Damm über den großen Stadtgraben geschaffen werden.
In diesem niedergelegten Teil der großen Mauer muß sich das sogenannte Brühler Pförtchen befunden haben und davor die "Lücke in der Zwingermauer, daß man im Brande Wasser langen kann" laut Stadtrechnung von 1615/16.
Der Raum zwischen Stadtmauer und dem Hause der Post gegenüber zeigt einen Rest des freien Umlaufs innerhalb der Stadtmauer, um jederzeit an die Mauer und die Türme herankommen zu können, sowie für Feuerspritzen freie Bahn zu haben.


An Post und Garten vorbeigehend, treffen wir wieder auf die große Mauer.
Sie ist wahrscheinlich aus Greußener und Clingener Tuffstein gebaut, und zwar nach der Stadtwerdung Greußens um 1350.
Nach dem Chronisten Sternickel soll die Mauer 30 Fuß hoch gewesen sein.
Das wären ca. 9 Meter, was ziemlich unwahrscheinlich ist.
Vielleicht handelt es sich um einen Druckfehler, daß 20 Fuß = etwa 6 Meter angegeben sein sollen.
Für Sondershausen gibt der Chronist Lutze 5 1/2 Meter als Höhe der Stadtmauer an.
Sie ist wahrscheinlich aus Greußener und Clingener Tuffstein gebaut, und zwar nach der Stadtwerdung Greußens um 1350.

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Rechts über dem ersten Türmchen ist ein flacher Stein vorhanden der 2 Zeichen eingemeißelt trägt, die bisher nicht gedeutet werden konnten. (Sonnenrad und Komet?)

Vermutlich handelt es sich um ein Steinmetzzeichen.


Über den Bau der Mauer, wer ihn angeordnet, ausgeführt und bezahlt hat, sind keine Nachrichten erhalten geblieben.
Nach dem Brande von 1834 hat man nach und nach Türchen in die Mauer gebrochen, um den Haus- und Garteninhabern einen rückwärtigen Ausgang zu verschaffen.

Unser Weg verläuft hier im alten Zwinger. Rechts neben uns befand sich die etwa 1,5 m hohe Zwingmauer, von der man 1958 noch Reste in der Erde antraf, als man eine Leitung durch die Stadtmauer legte.
Der große Wassergraben reichte bis zum Weg zur Mühle, dem Wall oder Damm. Daran schließt sich die Kupferhelbe, die durch einen über die Lochmühle laufenden Abfluß der sächsischen Helbe verstärkt wird.

Das Denkmal zum Gedenken an die Toten des 1. Weltkrieges steht mitten auf dem zugeschütteten großen Graben.
Es wurde 1922 an der Südseite des Rathauses errichtet und eingeweiht, 1924 auf Grund einer Volksabstimmung in die Anlagen auf seinen jetzigen Standort verlegt.
Hier ist die Anlage der Befestigung dieselbe, wie sie schon bei der Schule vorhanden gewesen ist.

Einen Rest der Zwingermauer finden wir beim Weitergehen als Unterbau der alten Malzfabrik, für die auch ein Stück der großen Mauer fallen musste.
Diese ehemalige Malzfabrik ist aus dem alten städtischen Brauhaus erbaut worden, das innerhalb der Mauer stand.
Gegenüber der Fabrik steht das Wohnhaus der Lochmühle, auf dem zugeschütteten Graben aufgebaut.
Die Mühle selbst wird 1411 zuerst urkundlich genannt, ist aber womöglich noch viel älter.

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Der Name der Lochmühle, im Volksmund meist nach dem derzeitigen Besitzer genannt, wird abgeleitet von dem so genannten Lochstein im Ufer der sächsischen Helbe, in welchem eine Öffnung das Maß des Wassers bestimmt, welches die Mühle für ihr Rad aus der sächsischen Helbe entnehmen durfte.
Sie war nicht nur Kornmühle, sondern hatte auch Ölmühlengang und legte 1849 man ein Sägewerk an.

Im Jahre 1841 zeigte der Inhaber der Mühle an, dass die Badeanstalt für die Badefreudigen bereit sei wie im Jahre vorher.
Näheres ist darüber nicht zu erfahren gewesen.

Die Steigung zwischen ehemaliger Malzfabrik und dem Mühlenhaus ist nach 1945 angelegt worden, als man zur Entlastung der kleinen Bahnhofstraße die "Straße des Aufbaus" (heute, neu erbaut, Ritterstraße) als Umgehungsstraße schuf.


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Der Teil der Mauer zwischen der ehemaligen Malzfabrik und dem Brauhof wurde 1834 niedergelegt.
Überschreiten wir die neue Straße, können wir nach rechts einen Blick auf die alte Gaststätte Günthershöhe und nach einigen Schritten auf dieser Straße auf den Schieferhof in dem großen Garten werfen, der in alter Zeit das Rittergut vor Greußen hieß, später lange Zeit Sächsischer Hof, und als Ursiedlung von Greußen galt. Doch ist er erst 1457 entstanden. Greußen ist schon um 1250 als Straßenmarktsiedlung planmäßig angelegt. Der Schieferhof ist nie ein festes Haus oder gar eine Burg gewesen, gehörte bis 1816 nicht zu Greußen, sondern zu Sachsen.
Schauen wir nach links, sehen wir den alten Brauhof, der das Bier vom städtischen Brauhaus aufnahm und auf dem sich etliche Zeit eine Trinkstube befunden hat.
Angelegt wurde der Brauhof um 1608, zu Wohnungen ausgebaut nach 1920.
Im städtischen Brauhaus selbst wurde nur wenig Bier hergestellt.
Es wurde viel fremdes Bier eingeführt und im Ratskeller ausgeschenkt.
Nachdem der Brauhof in Betrieb genommen war, produzierte man jährlich fortschreitend größere Mengen und machte sich von fremden Bieren frei.

brob6Wir sehen von unserem Standpunkt aus auch die alte evangelische Kirche St. Martini,
die 1687 beim großen Stadtbrand stark beschädigt,
mit Ausnahme des Chores und des Turmunterbaues in der heutigen Gestalt wieder aufgebaut wurde.
Die zu den Emporen führenden äußeren Treppen wurden 1894 nach innen verlegt.
Der Name St. Martini weist auf die fränkische Zeit hin.
Für das Jahr 1277 wird eine Pfarrkirche gleichen Namens urkundlich genannt.

 


Steigen wir in den alten Graben hinunter, erfreuen uns die schönen Birken, die fast ein lichtes Wäldchen bilden.
So bleibt es bis zum Ende des Birkenwäldchens.
Auf dieser Strecke sind noch deutlich zu erkennen die große Mauer und der Zwinger als äußerer Umlauf, davor die Zwingermauer als Grenze für den breiten Wassergraben.

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brob8Die Stadtmauer steht unter Denkmalschutz, so daß ohne besondere Genehmigung nichts daran geändert werden darf.
Beachtenswert ist die in einem der Gärten auf der rechten Seite stehende Eibe, die eine für unsere Gegend seltene Größe aufweist.
An der großen Mauer ist nun wieder ein Stück entfernt worden, um für das Diakonissenheim, Preßlerstift genannt, Platz zu schaffen.
Die Zwingermauer dient dem Hause als südliche Grundmauer. Alt-, Mittel- und Neustadt hatten jede ihre besondere Ummauerung.
So sehen wir gegenüber noch einen Rest der Altstadtmauer, der zum Teil Haus und Stall als Grundmauer dient. Hier ist der alte Graben besonders breit gewesen.

 

 

 

 

 


 brob9Nun stoßen wir auf die Altstadtbrücke.
Auf dieser Seite der Brücke war wahrscheinlich der sogenannte Badekorb angebracht, ein Korb oder Lattenverschlag, in welchen Betrüger und Fälscher gesperrt und dann ein- oder mehrmals in das Wasser des Grabens getaucht wurden.

Geht man unter der Brücke her, stellt man fest, daß sie verbreitert worden ist.
Dies geschah im Jahre 1878, wie am neuen Teil angeschrieben MDCCCLXXVIII; an dieser Seite ist noch ein Stein eingelassen mit der Inschrift: P. F. 1570.
Peter Fornfeist hatte als Ratsherr das städtische Bauwesen zu betreuen.
Der Stein stammt vermutlich aus dem alten Stadttor.

Ein weiterer Stein fällt hier auf 1666.
Im allgemeinen weist solch ein Zeichen an, wie hoch in dem Jahre Wasser einer Überschwemmung gestanden hat: doch ist darüber nichts festzustellen gewesen.


 brob10 Zwischen dem Diakonissenheim und dem gegenüberliegenden Hause muß das Altstädter Mitteltor, auch Obertor genannt, ein hoher Turm gestanden haben, der auch als Gefängnis diente-
Das läßt sich ermessen nach dem hinter dem rechten Eckhause weiterlaufenden Mauerteil.
Dieses Tor, weil zu eng, wurde 1820 niedergelegt.
Von den 3 Altstadttoren ist über die Niederlegung keine Zeitangabe vorhanden.

Gehen wir im Graben einige Schritte weiter, sehen wir rechts einen Rest der Altstadtmauer mit Häusern bebaut. Sie begrenzte den um 1884 angelegten Karlsplatz, der auf seiner anderen Seite vom sogenannten, inzwischen eingeebneten, Dorfgraben abgeschlossen wurde, dessen Anlegung und Zweck nicht einwandfrei festgestellt werden konnten.

Links sehen wir die Zwingermauer, dahinter die große Mauer.
Geradeaus bietet sich uns ein erfreulicher Anblick, der Rosengarten, der den Rest des großen Grabens einnimmt.
Rechts steht die Lönseiche.
Vor uns am Ende des Rosengartens erblicken wir einen Gedenkstein zur Erinnerung an Ernst Thälmann und die Opfer des Faschismus.
Am Rande des Karlsplatzes steht seit kurzem das Kriegerdenkmal zur Erinnerung an die Gefallenen des Krieges von 1870/71.
Das Denkmal wurde 1874 eingeweiht und stand vormals an der Nordseite der Kirche.
Heute ist die Inschrift völlig verwittert; doch zur Erinnerung an die vier gefallenen Greußener seien die Namen hier genannt: Karl Lysius, Wilhelm Kerst, Wilhelm Tennstedt, Theodor Halecker.

An diesem Denkmal vorüber führt ein Weg zum Freibad, das 1933 gebaut wurde, wobei sich der Greußener Architekt Kurt Röhl als Projektant und Bauleiter die größten Verdienste erwarb.
Aus dieser Zeit stammt auch die danebenliegende Tennisanlage mit zwei Plätzen.


Verweilen wir noch etwas dort an der Treppe, können wir ein niedriges Stück Altstadtmauer sehen, das fast bis zur Ottenhäuser Straße reicht.
Gegenüber dieser Stelle lag die Abdeckerei und Scharfrichterei, von etwa 1528 bis 1895 nachzuweisen.
Dahinter erhebt sich der Warthügel, von welchem man einen prächtigen Rundblick hat.
Wenden wir uns von unserem Platz im Rosengarten wieder den Mauern zu; hier ist zu sagen, daß nach einer alten Karte die Zwingermauer damals noch bis zur Kupferhelbe, hier Mühlgraben genannt, hinunterlief, die bei der großen Buche sich wendet und in den Steingraben mündete.
Über den großen Graben ist noch zu berichten, daß man in den Jahren 1631 und 1636 ihn durch Dämme in 3 Abschnitte teilte und als Fischteiche einrichtete. Als Schutz der Stadt, wozu er ursprünglich angelegt worden war, konnte er nach den Erfahrungen im 30jährigen Kriege doch keinen Nutzen mehr haben.
Der obere Graben, der heutige Rosengarten, versumpfte mit der Zeit. Es samten sich Erlen an, weshalb dieser Grabenteil im Volksmunde Erlenteich genannt wurde.
Nach dem Entfernen der Erlen pflanzte man Eschen, die 1920 wegen Kernfäule geschlagen werden mußten.
Durch diese Freilegung konnte sich das Buchengesträuch zu den heutigen schönen Bäumen entfalten.
Der mittlere Teich, von der Altstadtbrücke bis zur Lochmühle reichend, wurde nach dem Austrocknen mit Apfelbäumen bepflanzt, weshalb man vom Apfelteich sprach, heute mit Birken bestanden.
Der untere Graben, bis zur Brauerei reichend, hat keinen besonderen Namen gehabt.
Wenden wir uns nun wieder der großen Mauer zu.
Diese macht der großen Buche gegenüber eine scharfe Wendung und verläuft von zahlreichen Türmen besetzt bis zum Hause gegenüber der Stadtmühle, die heute als solche nicht mehr in Betrieb ist.
Die Zwingermauer verlief vor dem sogenannten "großen Zwinger", an ihrem Fuß floß die Kupferhelbe, hier Mühlgraben genannt.
 
Die Ostseite der großen Stadtmauer ist besonders stark mit Türmen besetzt. Diese sind nur Ausbuchtungen der Mauer. Sie waren auf der Innenseite vermutlich mit Fachwerk ausgebaut, wenn auch nicht alle, so doch die größeren. Es ist zum Beispiel die Rede davon, daß anno 1535 der Turm nahe der Stadtmühle an einen Fleischer als Schlachthaus verpachtet wurde.
Ein weiterer Turm wurde gekennzeichnet durch die "umlaufende Wehre".
Etliche Türme waren durch Stadtknechte bewohnt, nach denen der betreffende Turm laut Stadtrechnung benannt wurde: so zum Beispiel Hans Dreschers, des Stadtknechtes Turm, Joachim Dautens, des Pfänders Turm.


 

Einige Türme sollen laut Chronist Sternickel unterirdische Gefängnisse enthalten haben; das wird für einen Turm, welcher unbekannt ist, bestätigt durch folgenden Ausgabeposten 1606:  "Für 9 Pf. Klafterschnur für Valtin, den Stadtknecht, dem Gefangenen Lorentz Schultzen im Turm Essen zu langen."

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Der Turm an der Ecke der Mauer, welcher der heutigen Brauerei weichen mußte, enthielt 1615/16 laut Stadtbuch einen Stock, d. h. einen mit 2 Öffnungen versehenen quergeteilten Holzblock, in welchen der Delinquent mit den Beinen eingeklemmt wurde. Mit dem Haftlokal im Rathaus, dem sogenannten bürgerlichen Gehorsam, und dem Hilfsgefängnis, dem sogenannten Pfeiferhäuslein auf dem Rathaussaal, hat man vor 200 bis 300 Jahren für ein Städtchen von noch nicht 2000 Einwohnern über eine stattliche Zahl von Internierungslokalen verfügt.
Der regierende Rat der Stadt, 2 Bürgermeister und 4 Ratsherren, ehrenamtlich tätige Bürger hatten trotz nur niederer Gerichtsbarkeit eine recht ansehnliche Machtbefugnis und Strafgewalt, wobei unter Umständen recht grausam vorgegangen wurde.


Am Anfang des alten Walles vor der Ostseite, der früher lange Zeit mit Gras bewachsen, der Stadt jährlich den "Grase-Zins" durch Verpachtung einbrachte, hat man später Anlagen geschaffen, die eine Zierde der Stadt bilden und der Freude und Erholung der Einwohner und ihrer Besucher dienen.
1878 wurde ein Verschönerungsverein gegründet, der sich besonders durch Schaffung schöner Anlagen auf dem Wall betätigte.
An der Ecke der Zwingermauer am Diakonissenheim erinnert eine kleine Tafel an den Gründer dieses Vereins, Justizamtmann Hartmann.

An der Ostseite haben wir folgendes Profil:

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Ungefähr in der Mitte des Ostwalles stand bis vor etlichen Jahren die im November 1883 gepflanzte Luthereiche.
Hier sind heute auch sehr freundliche gärtnerische Anlagen.

Die zum Friedhof führende Brücke über den Steingraben ist 1932 von Arbeitslosen erbaut worden.
1947 wurde sie vom Helbehochwasser fortgerissen, doch bald wieder aufgebaut.


Bei der Stadtmühle hat man 1834 nach dem Stadtbrande auch einen Durchbruch in der großen Mauer geschaffen.
Urkundlich wird die Mühle zuerst 1411 genannt.
Das Wasser des Mühlgrabens floß früher zum Mühlenrad durch die Zwingermauer und die große Mauer, welch letztere Stelle man heute noch sehen kann.
Zwischen dem Einfluß des Wassers und dem Ausfluß nach Verlassen des Rades war der Zwinger- und Wasserschutz der Mauer unterbrochen.
Man hatte daher diese nicht geschützte Stelle durch einen besonderen Vorbau verstärkt.
Die Brandkarte von 1834 deutet diese Anlage noch an.brob14

Folgen wir nun dem Mühlgraben und der alten Mauer weiter, erblicken wir einen eckigen Turm in der Mauer, der anscheinend der größte aller Türme gewesen ist.
Welchen Zwecken er gedient haben mag, ist nicht zu erkunden gewesen.
Es werden wohl manche Türme in den Akten genannt, z. B. Pulverturm, Ketzerturm, doch ist es nicht gelungen, ihren Standort ausfindig zu machen. Wenn wir an der kleinen Brücke zur Neustadt verweilen, sehen wir links unter den Häusern des Steinwegs und der Neustadt noch Reste der Neustadtmauer, die als Grundmauer dienen. Verfolgen wir unseren Weg weiter, gelangen wir auf den Steinweg.
Das Neustädter Mitteltor muß, nach dem Verlauf des Stadtmauerrestes, zwischen den Häusern Nr. 5 und 16 gestanden haben.
Vor diesem Tore floß die Kupferhelbe, ehemals durch eine Zugbrücke überdeckt, vorbei, worauf dann die große Brücke über den Steingraben folgte, an deren Ende das Neustädter Tor, der Eingang zur Neustadt, stand.
Für diese große Brücke wird für 1625, 1630 und weitere Jahre ein mit Schindeln gedecktes "Sekret", d. h. eine Bedürfnisanstalt, genannt. 
Vor dem Neustädter Mitteltor flossen die über Markt und Herrengasse führenden und am Nordende des Marktes sich wieder vereinigenden Ableitungen der sächsischen Helbe in die Kupfer- bzw. Baderhelbe.


Auch die Neustädter Brücke war wie die Altstadtbrücke der Schauplatz abschreckender Strafen, die der Rat der Stadt verhängte. Für die Jahre 1685 und 1707 sind Meldungen vorhanden, daß Mühlenpächter, die den Kunden zu großes Maß als Mahllohn abgenommen und die verhängte hohe Geldstrafe nicht zahlen konnten, auf der Brücke für zwei Tage und Nächte angebunden wurden. Schauen wir von der Neustädter Brücke in Richtung Neustadt, so erkennen wir eine Baulücke, die gegenwärtig als Parkplatz genutzt wird. Hier stand das Hotel zum weißen Schwan. Es wurde als einziger Gasthof in der Neustadt schon nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) genannt, durch den großen Brand von 1834 zwar auch in Schutt und Asche gelegt, entwickelte sich jedoch nach seinem Neubau zu einem der vornehmsten Gasthäuser der Stadt. Der "Schwan" wurde bis 1964 noch als Gaststätte genutzt, diente dann als Wohnstätte und als Dienstleistungsbetrieb und wurde in den achtziger Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen.
An der Ecke gegenüber die Adlerapotheke, als Hofapotheke bereits 1699 gegründet.
Wir wenden uns nun zum Markt, wo wir kurze Zeit verweilen wollen.

Der Marktplatz ist eigentlich nur die Erweiterung der Hauptstraße, die in alter Zeit vom Erfurter bis zum Neustädter Tor verlief und einfach die Straße oder die Lange Straße hieß.
Er ist rechteckig und etwa 200 m lang und bildet den räumlichen und baulichen Mittelpunkt der Stadt.brob15
Seit September 1995 zeigt sich unser Marktplatz in einem neuen Gewande.
Umfangreiche Tiefbau- und 12 000 qm Pflasterarbeiten waren nötig, um den Platz schöner als je zuvor werden zu lassen.
Damit sich jeder eine Vorstellung vom Marktplatz im mittelalterlichen Greußen machen kann, sei aus Paul Lürmanns Buch "Aus Greußens Vergangenheit" (1957) zitiert: "Zunächst muß man sich den Zustand von Straßen und Plätzen in damaliger Zeit zu veranschaulichen suchen, worüber kein Chronist Nachrichten hinterlassen hat.
Da es weder Kanalisation noch Müllabfuhr gab, warf und goß man Abfälle und Unrat einfach auf die Gasse.
Da auch allerhand Haustiere frei herumliefen, kann man sich ungefähr vorstellen, in welchem Zustand Straßen, Gassen und Plätze, besonders bei schlechtem Wetter, sich befanden.


In den 1556 erneuerten Stadtstatuten wird u.a. gefordert, dass Mist auf den Straßen nicht länger als 6 Tage liegen bleiben dürfe, sonst sollte ihn der Rat wegnehmen und zum besten der Stadt verkaufen; ferner wird angeordnet, dass Unreinigkeiten aus den Häusern zu gießen verboten sei und mit 3 Schillingen bestraft werden sollte.
Würde aber jemand -dadurch betroffen oder besudelt- , musste 1/2 Mark Strafe gezahlt werden.
Diese beiden Berichte, die man wohl auf alle Orte damals anwenden kann, sind anschaulich genug.
Dazu ist zu berichten, dass noch 1676 sogar der Stadtrat die Herrengasse eine -unflätige Gasse-, 1685 die Hintergasse -Schlammgrube- nannte."

Die Marktsanierung trug aber auch dazu bei, bisher schon fast Vergessenes wieder in den heutigen Marktalltag zurückzuholen.
So stehen die 3 Brunnen in ihrer ansprechenden unterschiedlichen Gestaltung für die 3 Wasserentnahmestellen des mittelalterlichen Marktplatzes.  

An der Südseite des Platzes hinter dem Rathaus hat das "Greußener Schweinchen" seinen Platz gefunden.


Es ist die vergrößerte Nachbildung (das Original ist 24,2 cm lang, 15,8 cm breit und 19,0 cm hoch) eines Fundes aus der Zeit um 200 bis 300 nach der Zeitenwende und kann mit einem Fruchtbarkeitskult in Verbindung gebracht werden. brob16
Während Lürmann vermutet, dass es sich um einen Kult zur Verehrung des Gottes Donar handelt, verweisen andere auf die Götter Freya und Freyr, die als Attributtiere den Eber besaßen.
1858 wurde das "Schweinchen" mit 5 weiteren Gefäßen in einem Tuffsteinbruch im Flattig hinter der Nordhäuser Straße gefunden.
Weitere Hinweise findet der interessierte Leser in der Schrift "Das geheimnisvolle Greußener Schweinchen" von Ulrich Müller (Westgreußen 1987).

 


Wenden wir uns nun einigen historisch interessanten Gebäuden zu.
An der östlichen Seite steht heute das Elektrohaus Witters an der Stelle, wo 1601 der Gasthof zum schwarzen Bären zum erstenmal urkundlich erwähnt wurde. brob17
Bis 1988 war er als Gasthaus zum goldenen Anker in Betrieb. 1777 tauchte urkundlich erstmalig der Gasthof zum grünen Löwen auf, der später "Goldener Löwe" hieß.

Der bekannteste Besucher war zweifellos der Geheime Legationsrat Johann Wolfgang Goethe (erst 1782 geadelt), der am 29. November 1777 auf seinem Ritt in den Harz, um sich dort mit dem Bergbau um Goslar und Clausthal vertraut zu machen, in Greußen übernachtete.
Am nächsten Morgen ging es schon früh weiter.
In seinem Tagebuch berichtete er von einem herrlichen Sonnenaufgang.
Viel mehr ist vom kurzen Goetheaufenthalt in Greußen nicht bekannt.
Wir wissen auch nicht, in welchem Gasthof er abgestiegen ist.

Auszug aus dem Tagebuch von Johann Wolfgang v. Goethe über seinen Aufenthalt am 29. Nov. 1777
d. 29. Früh gegen Sieben ab übem Ettersberg in scharfen Schlossen. 20 Min auf 1. in Weißensee. stümiisch gebrochen Wetter, reine Ruh in der Seele, Sonnenblicke mitunter Abends nach 4 in Greußen. Mußte schon halt machen es brach die Nacht ein.
NB. Wie der Fuhrmann erzählt von seinem Seelsorger wie der ein Maas zu drey Schmieden schickt dies nicht beschlagen wollen weils zu gros ist.
Aber er wills so haben - Wenn wird der zehende aufhören und ein Epha* ich weiß wohl wos steht.
d. 30. Sonnt. früh nach Greußen mit einem Boten ab.
War scharf gefroren und die Sonne ging nit herrlichen Farben auf.
Ich sah den Ettersberg, den Inselsberg, die Berge des Thüringer Waldes hinter mir. " dieses"Epha" wird im Goethe-Wörterbuch so erklärt:
hebräisches Hohlmaß im Alten -Testament öfter als Maß von Opfergaben, hier im Zusammenhang mit den der Kirche (in Naturalien) zu entrichtenden Abgaben
das "ich weis wohl wos steht" ist mit einer Fußnote versehen, sie lautet:
Ein genauer Bezug auf eine bestimmte Bibelstelle war nicht zu ermitteln.brob18


Der "Goldene Löwe" lädt seit 1995 wieder als Gaststätte ein und bietet eine Einkaufspassage mit mehreren Geschäften und einem Durchgang zur Straße "Am Zwinger".

Unser Rathaus wird urkundlich zuerst 1408 genannt, ist aber sicher zur Stadtwerdung um 1350 schon entstanden; 1491 brannte es ganz ab, ebenso 1687. Von dem 1703 begonnenen Wiederaufbau blieben beim Stadtbrande 1834 die Umfassungsmauern stehen, nur die innere Einrichtung, Dach und Turm mußten erneuert werden.

An der rechten Seite, wo schon 1530 eine eiserne Elle eingelassen war, befindet sich heute noch ein eisernes Metermaß aus der Zeit vor der Errichtung von Eichämtern.

Wenden wir uns nun der westlichen Seite des Marktplatzes zu. brob19


An der Nordseite am Ende steht die Marktapotheke, schon 1591 urkundlich nachweisbar und als Löwenapotheke bis 1953 noch in Betrieb.

Gehen wir nunmehr zur Neustädter Brücke zurück und setzen wir den Rundgang um die Mittelstadt fort.
Am Haus Steinweg 7 links einen schmalen Gang entlang stoßen wir wieder auf Reste der großen Mauer, die 1847 zum Bau der Brauerei mit genutzt wurden. Auf dem Gelände zwischen der Kupfer- bzw. Baderhelbe, die vor einiger Zeit stillgelegt wurde und dem Steingraben, hat bis gegen 1570 die Gesellschaft der Armbrustschützen ihren Schießstand gehabt.

Was Stadtmauer und Türme angeht, so mußten sie nicht nur dem Bau der ehemaligen Brauerei weichen, ihre Zerstörung hatte schon wesentlich früher begonnen.


Der Stadtplan von Greußen zur Zeit des großen Brandes von 1834 (Verfasser Kurt Röhl) stammt aus Lürmanns Broschüre (1934 von der Stadtverwaltung herausgegeben) und zeigt die Ausmaße dieses großen Unglücks.brob20

Beim Brande der Stadt 1687 sind auch Türme der Stadtmauer mit ausgebrannt.
Da man zur Wiederherstellung kein Geld hatte, muß man den Beginn des Verfalles der Stadtmauer für die Zeit nach 1687 annehmen.
Nach dem Stadtbrand 1834 hat man von der Höhe der großen Mauer viele Steine herabgeholt und ganze Strecken der Zwingermauer niedergelegt, um die Steine zum Wiederaufbau zu benutzen.

Wenden wir uns nun wieder nach links in südliche Richtung.
Bei dem letzten Stück der Stadtmauer haben wir dasselbe Profil wie beim Ehrenmal an der Post: große Mauer, Zwinger, Zwingermauer, großer Graben, Wall oder Damm.
Kupferhelbe, diese umlief die Mittelstadt zu fast drei Fünftel ihres Umfanges, ist eine Ableitung von der schwarzburgischen Helbe, trieb bei Clingen einen Kupferhammer, der ihr den Namen gab.

Wir sind am Ausgangspunkt unserer Wanderung angelangt und haben den Rundgang um die alte Befestigung der Mittelstadt mit Blicken auf Alt- und Neustadt beendet.
Wir können feststellen, daß unsere Heimatstadt Greußen, die alte Markt-, Handels- und Gewerbestadt, auf unserem Wege viel Interessantes bietet, vor allem auch manches, was uns mit Recht von unserer schönen Heimat sprechen läßt.


 

 

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